- 1) 1. Die Illusion der Objektivität: Sind die Filter wirklich sinnvoll?
- 2) 2. Keine Berücksichtigung von Marktzyklen
- 3) 3. Datenqualität und Verzögerungen
- 4) 4. Kein Kontext oder qualitative Analyse
- 5) 5. Kein Schutz vor emotionalen Fehlern
- 6) 6. Backtesting fehlt oft oder ist unzureichend
- 7) 7. Gefahr von Herdenverhalten
- 8) Fazit: Aktien-Screener mit Vorsicht nutzen
In der Welt des Investierens sind Aktien-Screener wie Finviz oder TradingView zu unverzichtbaren Werkzeugen für viele Anleger geworden. Mit nur wenigen Klicks lassen sich Tausende von Aktien nach Kriterien wie Kurs-Gewinn-Verhältnis, Dividendenrendite oder Momentum filtern.
Auf den ersten Blick scheinen diese Tools die perfekte Lösung für die Auswahl profitabler Aktien zu sein. Doch bei näherem Hinsehen wird klar: Aktien-Screener haben nicht nur Vorteile, sondern auch gravierende Schwächen, die Investoren unbedingt verstehen sollten.
In diesem Blogpost beleuchten wir die Nachteile von Aktien-Screenern und warum ihre scheinbare Einfachheit und Effizienz eine trügerische Sicherheit bieten kann.
Dabei liegt der Fokus darauf, dass viele Anleger blind den Ergebnissen vertrauen, ohne die statistische Validität oder die Sinnhaftigkeit der gewählten Filterkriterien zu hinterfragen.
Dabei listen wir die 7. größten Probleme der Screener auf.
1. Die Illusion der Objektivität: Sind die Filter wirklich sinnvoll?
Der wohl größte Nachteil von Aktien-Screenern ist die Abhängigkeit von den gewählten Filtern. Ob Kurs-Gewinn-Verhältnis (KGV), Dividendenrendite oder Volumen—die meisten Anleger wählen diese Parameter nach Bauchgefühl oder auf Basis allgemeiner Marktweisheiten.
Doch die Frage, ob diese Kriterien tatsächlich zu einer besseren Performance führen, wird selten gestellt.
Fehlende Validierung der Kriterien
Aktien-Screener bieten keine statistische Analyse, die zeigt, ob bestimmte Kriterien langfristig erfolgreich sind. Zum Beispiel:
Ist ein niedriges KGV wirklich ein Zeichen für eine unterbewertete Aktie? Häufig nicht, denn viele Aktien haben ein niedriges KGV, weil das Unternehmen in Schwierigkeiten steckt.
Sind hohe Dividendenrenditen wirklich ein Vorteil? Oft können diese ein Hinweis auf Finanzprobleme oder stagnierendes Wachstum sein.
Ohne historische Daten oder Backtesting, das die Wirksamkeit der Filter überprüft, bleibt die Auswahl rein spekulativ. Viele Anleger verlassen sich blind auf die Standardeinstellungen oder übernehmen Tipps aus dem Internet, ohne zu hinterfragen, ob diese überhaupt sinnvoll sind.
2. Keine Berücksichtigung von Marktzyklen
Ein weiteres Problem ist, dass Aktien-Screener die Dynamik von Marktzyklen ignorieren. Ein Filter, der in einem Bullenmarkt hervorragend funktioniert, kann in einem Bärenmarkt katastrophale Ergebnisse liefern.
Statische Filter in dynamischen Märkten
Angenommen, Sie setzen auf Aktien mit hohem Momentum, weil diese zuletzt stark gestiegen sind. Während eines Marktaufschwungs mag das funktionieren, aber in einer Seitwärts- oder Abwärtsphase können solche Aktien massiv an Wert verlieren.
Umgekehrt können Value-Aktien (mit niedrigem KGV) in einem Wachstumsmarkt unterperformen, obwohl sie in einem anderen Umfeld eine gute Wahl wären.
Aktien-Screener bieten keine Mechanismen, um Filter dynamisch an die aktuelle Marktlage anzupassen. Die Gefahr besteht darin, dass Anleger durch starre Kriterien Aktien auswählen, die in der aktuellen Phase des Marktzyklus keine gute Wahl sind.
3. Datenqualität und Verzögerungen
Viele Aktien-Screener arbeiten mit Daten, die nicht immer aktuell oder korrekt sind. Besonders in der kostenlosen Version von Tools wie Finviz werden oft verzögerte oder unvollständige Daten verwendet. Diese Verzögerungen können gravierende Auswirkungen auf die Aktienauswahl haben, insbesondere bei kurzfristigen Strategien.
Beispiel: Verzögerte Fundamentaldaten
Wenn ein Screener eine Aktie aufgrund ihrer hohen Wachstumsraten empfiehlt, können diese Zahlen aus dem letzten Quartal stammen und bereits veraltet sein. In der Zwischenzeit könnten neue Entwicklungen wie ein Gewinneinbruch oder negative Analystenbewertungen die Attraktivität der Aktie verringert haben.
Fehlende Qualitätskriterien
Darüber hinaus können die von Screenern bereitgestellten Daten irreführend sein. Beispielsweise geben viele Tools das KGV an, ohne zwischen historischen und zukünftigen Werten zu unterscheiden. Diese Ungenauigkeiten führen dazu, dass Anleger auf Basis unvollständiger Informationen Entscheidungen treffen.
4. Kein Kontext oder qualitative Analyse
Ein weiterer großer Nachteil von Aktien-Screenern ist ihre Unfähigkeit, qualitative Faktoren zu berücksichtigen. Diese Tools konzentrieren sich ausschließlich auf quantitative Daten und ignorieren wichtige qualitative Aspekte wie:
Die Wettbewerbsposition eines Unternehmens.
Managementqualität.
Branchentrends.
Die Gefahr des „Numbers Bias“
Investoren, die sich zu stark auf Zahlen verlassen, übersehen oft das Gesamtbild. Eine Aktie kann in einem Screener gut abschneiden, weil sie auf dem Papier attraktive Kennzahlen hat.
Doch ohne eine tiefgehende Analyse des Geschäftsmodells oder der langfristigen Wachstumsaussichten können solche Investments zu Enttäuschungen führen.
Beispiel: Ein Unternehmen mag eine hohe Dividendenrendite bieten, aber wenn diese durch die Aufnahme von Schulden finanziert wird, ist das ein Warnsignal—etwas, das ein Screener nicht erkennt.
5. Kein Schutz vor emotionalen Fehlern
Aktien-Screener können dazu führen, dass Anleger in die Falle emotionaler Entscheidungen tappen. Die scheinbare Präzision und Objektivität der Ergebnisse verleitet dazu, die Auswahl nicht weiter zu hinterfragen.
Confirmation Bias
Anleger neigen dazu, Filter so einzustellen, dass sie ihre bestehenden Meinungen bestätigen. Zum Beispiel könnte jemand, der von Technologieaktien überzeugt ist, nur nach Aktien in diesem Sektor suchen. Der Screener verstärkt damit bestehende Vorurteile, anstatt neue Perspektiven zu bieten.
Overtrading
Die ständige Verfügbarkeit neuer Listen von „Top-Aktien“ kann dazu führen, dass Anleger überhastet handeln. Statt langfristig an einer Strategie festzuhalten, wechseln sie häufig ihre Investments, was die Transaktionskosten erhöht und die Rendite mindert.
6. Backtesting fehlt oft oder ist unzureichend
Kommen wir zum aus unserer Sicht größten Problem…
Ein professioneller Ansatz zur Aktienauswahl erfordert eine Rückprüfung der Kriterien auf historische Daten. Doch viele Aktien-Screener bieten entweder gar kein Backtesting oder nur sehr rudimentäre Funktionen.
Warum Backtesting entscheidend ist
Backtesting erlaubt es, zu überprüfen, ob eine bestimmte Strategie in der Vergangenheit erfolgreich gewesen wäre.
Ohne diese Analyse bleibt die Wirksamkeit der Screener-Ergebnisse reine Spekulation. Besonders gefährlich ist es, wenn Investoren Filter verwenden, die in der Vergangenheit nachweislich schlecht abgeschnitten haben, dies jedoch nicht wissen.
Beispiel: Ein Filter, der auf Aktien mit geringer Volatilität setzt, mag auf den ersten Blick solide wirken.
Doch ohne zu testen, ob diese Strategie in der Vergangenheit über verschiedene Marktphasen hinweg funktioniert hat, bleibt das Risiko hoch, dass sie in Zukunft scheitert.
7. Gefahr von Herdenverhalten
Viele Aktien-Screener bieten vorgefertigte Filtersets an, die von einer großen Anzahl von Anlegern genutzt werden. Das führt dazu, dass alle dieselben Aktien kaufen, was die Kurse in die Höhe treibt, ohne dass diese zwangsläufig fundamental gerechtfertigt sind.
Beispiel: Trendaktien
Aktien, die in einem Screener aufgrund von Momentum oder Popularität erscheinen, sind oft bereits überbewertet. Anleger, die diese Aktien kaufen, laufen Gefahr, am Ende des Hypes einzusteigen und Verluste zu erleiden.
Fazit: Aktien-Screener mit Vorsicht nutzen
Aktien-Screener wie Finviz und Zacks sind zweifellos praktische Werkzeuge, um den Markt zu durchforsten. Doch sie sind kein Ersatz für eine fundierte Analyse und können schnell zur trügerischen Sicherheit führen.
Die Auswahlkriterien sind oft subjektiv und nicht statistisch validiert, Marktzyklen bleiben unberücksichtigt, und qualitative Faktoren werden völlig ignoriert.
Wenn Sie Aktien-Screener nutzen, sollten Sie sich stets bewusst sein, dass sie nur ein Hilfsmittel sind—nicht die ultimative Lösung. Investieren Sie Zeit in die Validierung Ihrer Filterkriterien, berücksichtigen Sie den Kontext der Ergebnisse und verlassen Sie sich nicht blind auf vorgefertigte Einstellungen.
Nur so können Sie die Schwächen dieser Tools ausgleichen und fundierte Entscheidungen treffen.