Börsenspiel – Hände weg vom größten Unsinn der Welt

Börsenspiele

Das Börsenspiel – der Herbst ist wohl die Hochsaison dieser Unart, die sich in den letzten Jahren immer mehr verbreitet hat. Sicher sind Wettbewerbe schön. Im Sport. Auch Spiele sind ja eine Art Wettbewerb. Aber beim Geld verdienen um die Wette eifern? 

Der Sinn von einem Börsenspiel hat sich uns nie erschlossen. Im Gegenteil. Wir verurteilen diese Techniken auf das Schärfste und wollen in diesem Beitrag vor den Gefahren eindringlich warnen.

Im Herbst ist Jagdsaison

Hirschen, Rehe oder ein anderes Wild? Oder doch der Börsen-Einsteiger als Opfer? Herbst ist High Noon. Erst vor wenigen Tagen wurde wieder ein neues Börsenspiel von einem renommierten Verlag angekündigt und mit Unterstützung eines Emittenten (jemand, der die Produkte dafür herstellt und anbietet wie zum Beispiel eine Bank) medial stark beworben. 

Doch Börsenspiele sind gefährlich. So gefährlich, dass wir sogar ein Verbot von der Politik und den Gesetzgebern fordern.

Warum wir mit dem Thema Börsenspiel so hart ins Gericht gehen? Weil diese Spiele am Sinn eines Investments (ja sogar am Sinn vernünftigen Tradings) vorbei gehen. Und weil sie immens gefährlich sind. Um das in aller Tragweite zu verstehen, müssen wir etwas tiefer graben…

Jagd auf Neukunden

Börsenspiele – es werden immer mehr

Wer hat‘s erfunden? Weiß heute wohl niemand mehr. Doch es gibt mittlerweile so viele Börsenspiele, dass man schnell den Überblick verliert.

Auf finanzen.net gibt es eine Übersicht über die wichtigsten deutschen Börsenspiele. Hier klicken zu einer Übersicht über das Angebot.

Dort findet man auch einen Vergleich der Anbieter, die Highlights und einige allgemeine Tipps. Aber was wir dort vermissen ist, dass man dem Leser „reinen Wein“ einschenkt, wie es sprichwörtlich so schön heißt. Das man die ganze Wahrheit erzählt. Das man kritisch recherchiert. Und das man die Sinnhaftigkeit der Spiele generell in Frage stellt.

Schauen wir uns einige Fakten der Börsenspiele an, um unsere Kritik besser nachvollziehen zu können.

Gewinne und Verluste

Ziel eines jeden Börsen Engagements, egal ob als Investor oder als Trader, sind die Gewinne. Börse ist kein Hobbie. Börse ist Business. Wir wollen Geld verdienen, deswegen legen wir an oder traden. Die Gewinner der Börsenspieler gewinnen die heiße Ananas. Denn es ist ja nur Spielgeld, was, wie wir später noch sehen werden, ein ernstes Problem darstellt.

Um die Motivation dieser Wettbewerbe zu erhöhen, gibt es echte Prämien für die Gewinner. Geldprämien, Sachprämien und vieles mehr. Bedenklich. Denn das verleitet dazu, möglichst rasch (kurze Laufzeit der Börsenspiele) möglichst hohe Gewinne (zu viel Risiko einzugehen) zu machen. Beides also genau das Gegenteil, worum es bei der echten Geldanlage oder im echten Trading geht.

Zielgruppe - an wen richtet sich das Angebot?

Manche Börsenspiele, wie wir auf finanzen.net gefunden haben, richten sich explizit an Kinder und Schüler. Schön, wenn man etwas für die Finanzbildung der Jugend tun will. Weniger schön, wenn das Gelernte falsch ist oder wenn der Lerninhalt am eigentlichen Bedarf und an der Praxis vorbei geht. Noch schlimmer, wenn er komplett falsche Dinge suggeriert.

Angesprochen werden soll aber meist ein möglichst breites Publikum jeden Alters. Es wird in erster Linie um Neulinge (Neukunden) geworben. Aber angeblich – laut finanzen.net – sollten auch erfahrene Trader mitmachen. Nun – ein erfahrener Trader kann hier nur den Kopf schütteln. Kein wirklich erfahrener Trader wird hier je mitmachen.

Zielgruppe

Lerneffek? Gleich Null...

Was man bei Börsenspielen lernt? Sicher vieles nur nicht den Börsenhandel. Auch nicht das Anlegen. Dafür sind die Spiele zum einen zu kurz. Andererseits gibt es noch ein größeres Problem: es geht um nichts. 

Beworben wird das so, dass man nichts verlieren kann. Und damit lockt man Neulinge. Aber wenn es um nichts geht (außer um die Preise selbst) dann wird man auch nichts lernen. Trading mit einem Paper Account lernen geht nicht. Denn was fehlt ist der Druck.

Mit dem Druck muss aber ein Trader/Anleger umgehen lernen. Sonst wird er niemals erfolgreich sein. Diese Komponente fehlt beim Börsenspiel komplett. Papiergeld zählt nicht. Warum verlieren an der Börse Menschen manchmal ganze Existenzen? 

Weil es um echtes Geld geht. Zeit ist Geld. Zeit ist Leben. Beim Geld agiert die Herde so, als ob ihre Existenz auf dem Spiel steht. Und damit ist man mitten drin in Boom- und Crash-Phasen. Damit muss man umgehen lernen und das tut man sicher nicht in einem 2 Wochen laufenden Börsenspiel.

Emittenten

Letztlich geht es bei den Börsenspielen nicht darum, Wissen zu vermitteln sondern es stehen knallharte finanzielle Interesse der Emittenten und Banken/Broker im Vordergrund. Meist nutzen diese Anbieter einen bekannten Medienpartner, um den Spiel eine gewisse Seriosität und Neutralität zu verleihen, die sie aber nicht haben.

Das verrät uns beispielsweise ein Börsenspiel, in dem ein Broker als Preis gratis Trades (natürlich nur für die eigenen Produkte) auslobt. Hier geht es also, wie bei vielen anderen solcher Spiele, bloß darum, Neukunden unter dem Deckmantel der Ausbildung zu gewinnen und Leute zum häufigen Traden zu verleiten.

Häufig Traden per se ist nicht schlecht, aber häufig Traden kann man nur mit Plan. Und mit günstigen Gebühren. Zu beiden haben die meisten Teilnehmer der Börsenspiele keinen Zugriff, wie wir später noch sehen werden.

Die Regeln des Wettbewerbs

banking

Was ist der Sinn eines Börsenspiels? Lernen zu investieren? Lernen zu traden? Oder nur Geld verdienen und dabei zocken ohne Ende? Wir wissen es nicht. 

Denn die Regeln der meist nur kurz laufenden Spiele sind grundverschieden. Und sie machen überhaupt keinen Sinn. Ein paar Beispiele gefällig?

Laufzeit

So finden wir ebenso in dem bereits verlinkten finanzen.net Artikel den Hinweis, das ein Börsenspiel von August bis Ende September läuft. Wow! Knappe 2 Monate. Das ist sowohl für Anleger als auch Trader viel zu kurz. Was sagen denn 2 Monate aus? Nichts.

Ein anderes Börsenspiel der Societe Generale läuft von 3. August bis 7. September. Noch einmal wow. Das sind grob geschätzt 6 Wochen. Hopp oder Tropp. Anders kann man hier nicht gewinnen. Wie die Sache ausgeht ist also reines Glück. Zum einen, ob man ein glückliches Händchen beim Timing hat. Zum anderen, ob man gerade eine gute oder schlechte Börsenphase erwischt.

Produktauswahl

Aktien sind einfache Finanzprodukte. Unter einer Aktie kann sich jeder etwas vorstellen. Auch die in diesen Spielen anvisierten Beginner. Aber was ist ein Derivat? Was ist ein Optionsschein? Was ein Future? Und warum darf man bei manchen Börsenspielen ausschließlich Derivate handeln, die vom jeweiligen Mit-Veranstalter (Emittent)  ausgegeben wurden? Natürlich ist die Frage rhetorisch…

Warum nimmt man wenigsten nicht nur börsengehandelte Produkte? Richtig: weil der Emittent dann deutlich weniger bis gar nichts verdient.

Die Mindesthaltedauer

Zum Beispiel hat auch die FAZ, eine an sich hochseriöse Zeitung, ein solches Börsenspiel laufen. Zur Mindestbehaltedauer sagt man beispielsweise dort: „Kurse von Wertpapieren können aufgrund von börsenrechtlichen Bestimmungen an unterschiedlichen Börsen unterschiedliche Verzögerungszeiten aufweisen. Dies kann zu Wettbewerbsverzerrungen im Börsenspiel führen. Daher müssen Papiere nach einem Kauf mindestens 60 Minuten gehalten werden, bevor sie wieder verkauft werden können.“
Mindestzeit

Quelle: faz.net

Niemand kann wohl sinnvoll die Frage beantworten, warum die Mindesthaltedauer 60 Minuten beträgt. Will man so Daytrader „züchten“. Will man Laien in Trading Techniken ausbilden? Wo ist eigentlich die Ausbildung dazu? Wo zeigt man Backtesting? Wo ist der Hinweis zu ernsthaftem Trading?

Wir vermuten, dass es seitens der FAZ und oder dem Spiele Partner hier technische Beschränkungen gibt, die diese 60 Minuten für das Reporting erforderlich machen. Sinn macht es keinen, hier eine Beschränkung einzuführen. Denn wenn ich ein Signal trade, dann muss ich Ein- und Aussteigen, wann es vom Trading System vorgegeben wird. Und nicht von der FAZ.

Diese Bestimmung ist also lächerlich und schränkt den Daytrader massiv ein. Für den Investor ist sie nicht von Belang, weil er ohnehin länger positioniert bleibt. Meist länger, als das Börsenspiel läuft (oder laufen würde), aber das ist ein Kritikpunkt, den wir schon öfters hatten.

Spesen & Kosten

Börsenspiele sind meist gratis. Aber an der Börse zu handeln, kostet Geld. Sicher gibt es heute gratis Broker. Aber auch die müssen von irgend etwas leben. Doch lassen wir das gratis beiseite.

Es ist in Ordnung, wenn man für die Dienstleistung des Brokers bezahlt. Zum Beispiel 1 oder 2 USD pro Aktien Order. Oder wenn es nicht anders geht 4 EUR für eine Xetra Order. Aber die Gebühren – wieder die FAZ – dieses Börsenspiel schießen den sprichwörtlichen Vogel ab:

Bildquelle: FAZ – Quelle: Link hier

10 Euro (!!!) pro Trade. Damit ist jedes Trading System tot. Vielleicht will man damit zu häufiges Tradern unterbinden. Schön, aber warum dann nicht eine Mindestbehaltedauer von zumindest einem Tag (statt 60 Minuten). Wir drehen uns im Kreis…

Positionsgröße

Eine Börsenstrategie besteht immer aus mindestens 4 Kernelementen:

  1. Einstieg
  2. Ausstieg
  3. Positionsgröße
  4. Underlying

Die Reihenfolge tut nichts zur Sache, aber sowohl als Trader als auch als Investor muss ich immer wissen, was ich kaufe, wann ich kaufe und verkaufe und wie viel ich kaufe.

Die Auswahl der Positionsgröße hängt dabei einerseits von meinem Kapital ab, andererseits aber von meinem Risikomanagement. Unser bereits mehrmals zitiertes FAZ Börsenspiel hat hier folgende Regel:

100 Aktien. Wow. Das schafft vielleicht ein professioneller Fondsmanager? Aber ein Privatanleger? Auch ein Trader wird wohl niemals die 100 ausschöpfen. Warum hier also eine Obergrenze, die ohnehin Makulatur ist? Warum bis 100 Positionen erlauben, wenn 100 x 10 Ordergebühr schon EUR 1000 ausmacht? Für den Verkauf dann nochmals so viel. Sind 2k – bei einem 50k Account…

Aber das ist noch nicht der ganze Unsinn. Wenn wir das Depot mit etwas über 50k (siehe oben) starten, die Position Size maximal 10k betragen darf, dann ist das ein erneuter Eingriff in das Risikomanagement. 

Natürlich sind Trading und Investment Strategien riskant, wenn wir weniger als 5 Positionen offen haben. Aber die Entscheidung sollte der Spieler (pardon: Anleger…) treffen und nicht der Spiele-Ausrichter. Und so könnten wir endlos weitermachen.

Fazit Börsenspiele

Zufall

Börsenwettbewerbe aller Art sind uns schon seit Jahren ein Dorn im Auge. Wir haben dafür vollstes Verständnis, dass auch Finanzunternehmen Neukunden gewinnen wollen. Jedes Unternehmen muss Neukunden gewinnen. Auch wir bei thomasvittner.com. Aber nicht so! Nicht über den Deckmantel eines Börsenspiels. Nicht damit, dass man Wissensvermittlung vorgaukelt.

Wir kommen aus dem Bereich Vermögensverwaltung/Vermögensberatung. Wir wissen um die Strenge der Gesetze und Auflagen im Finanzbereich. In der Geldanlage gibt es Disclaimer und Risikohinweise an allen Ecken und Enden. Gut gemeint ist das sicher, weil es den Anleger schützen soll. Ob es in der Praxis funktioniert, können wir nicht beurteilen.

Was sicher nicht funktioniert und auch nicht dem Schutz des Anlegers dient sind Börsenspiele. Zumindest nicht im Hinblick darauf, damit das Traden oder das Anlegen zu lernen. Warum man hier seitens des Gesetzgebers wegsieht, entzieht sich unserer Kenntnis.

Finger weg von Börsenspielen. Börse ist kein Spiel und kein Sprint. Beides trifft aber auf ein Börsenspiel zu. Investieren lernen soll man durchaus in jungen Jahren. Aber vernünftig. Am besten in einem Schulfach „Finanzbildung“. Warum es das nicht gibt, wissen wir nicht, aber wir ahnen es.

Wenn sie hingegen vernünftig traden lernen wollen, und bereit sind, ein wenig Geld dafür in die Hand zu nehmen, dann sind sie bei uns an der richtigen Stelle. Denn nichts im Leben ist umsonst. Und auch Bildung hat einen Wert und ist nicht gratis.

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