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Warum es nicht das eine KGV gibt und warum Genauigkeit bei der Aktienbewertung entscheidend ist
- 1.1) Was ist das KGV überhaupt?
- 1.2) Warum es nicht „das eine KGV“ gibt
- 1.3) Trailing KGV – der Blick in den Rückspiegel
- 1.4) Forward KGV – Bewertung auf Basis von Erwartungen
- 1.5) KGV mit oder ohne Sondereffekte
- 1.6) KGV im historischen Vergleich
- 1.7) KGV im Branchenvergleich
- 1.8) KGV und hohe Forschungsausgaben
- 1.9) Typische Fehler beim Umgang mit dem KGV
- 1.10) Merksatz für Anleger
- 1.11) Taugt das KGV zur Auswahl guter Aktien?
Warum es nicht das eine KGV gibt und warum Genauigkeit bei der Aktienbewertung entscheidend ist
Das Kurs-Gewinn-Verhältnis (KGV) zählt zu den bekanntesten Kennzahlen der Aktienanalyse. Kaum eine Kennzahl wird so häufig verwendet – und gleichzeitig so häufig missverstanden.
Viele Anleger sprechen vom KGV, als wäre es eine einzige, eindeutig definierte Zahl. Genau hier liegt das Problem. In der Praxis gibt es nicht das eine KGV. Es existieren zahlreiche Varianten, die zwar alle korrekt sein können, aber völlig unterschiedliche Dinge messen.
Dieser Artikel zeigt dir:
- welche Arten von KGVs es gibt
- warum dieselbe Aktie gleichzeitig günstig und teuer wirken kann
- welche typischen Fehler Anleger machen
- wie Profis mit dem KGV umgehen
- und ob das KGV überhaupt geeignet ist, um Überrenditen zu erzielen
Was ist das KGV überhaupt?
Das Kurs-Gewinn-Verhältnis setzt den aktuellen Aktienkurs ins Verhältnis zum Gewinn je Aktie.
Formel:
KGV = Aktienkurs / Gewinn je Aktie
Ein KGV von 20 bedeutet vereinfacht, dass Investoren bereit sind, das 20-fache des Jahresgewinns für diese Aktie zu bezahlen.
Die entscheidende Frage lautet jedoch:
Welcher Gewinn wird hier eigentlich verwendet?
Warum es nicht „das eine KGV“ gibt
Unternehmensgewinne sind keine festen Größen. Sie schwanken von Quartal zu Quartal und können durch Einmaleffekte stark verzerrt sein. Genau deshalb existieren unterschiedliche KGV-Varianten.
Die wichtigsten KGV-Arten im Überblick
| KGV-Art | Gewinnbasis | Aussage |
|---|---|---|
| Trailing KGV | Vergangene Gewinne (TTM) | Rückblickende Bewertung |
| Forward KGV | Erwartete Gewinne | Zukunftsorientierte Bewertung |
| Bereinigtes KGV | Gewinne ohne Sondereffekte | Operative Ertragskraft |
| Historisches KGV | Vergleich zur eigenen Historie | Relative Bewertung |
| Branchen-KGV | Vergleich mit Wettbewerbern | Markteinordnung |
Trailing KGV – der Blick in den Rückspiegel
Das Trailing KGV basiert auf den Gewinnen der letzten zwölf Monate. Es ist objektiv messbar, hat aber einen entscheidenden Nachteil: Es blickt ausschließlich in die Vergangenheit.
- keine Aussage über zukünftiges Wachstum
- anfällig für Sondereffekte
- verzerrt bei zyklischen Unternehmen
Ein Unternehmen kann nach einem außergewöhnlich guten Jahr extrem günstig wirken, obwohl diese Gewinne nicht nachhaltig sind.
Forward KGV – Bewertung auf Basis von Erwartungen
Das Forward KGV nutzt geschätzte zukünftige Gewinne. Es ist besonders bei Wachstumsunternehmen beliebt.
Vorteile:
- zukunftsorientiert
- besser geeignet für Wachstumsphasen
- näher an der Marktbewertung
Nachteile:
- abhängig von Prognosen
- anfällig für Optimismus
- hohe Fehleranfälligkeit
KGV mit oder ohne Sondereffekte
Ein weiterer kritischer Punkt ist die Frage, ob der Gewinn Sondereffekte enthält:
- Verkäufe von Unternehmensteilen
- Abschreibungen
- Rechtsstreitigkeiten
- Steuereffekte
Ein bereinigtes KGV versucht, diese Effekte herauszurechnen und die operative Ertragskraft abzubilden.
KGV im historischen Vergleich
Ein KGV entfaltet seine Aussagekraft erst im Vergleich mit der eigenen Unternehmenshistorie.
- Wie hoch war das durchschnittliche KGV der letzten 5 oder 10 Jahre?
- In welchen Phasen war die Aktie günstig oder teuer?
KGV im Branchenvergleich
Ein Softwareunternehmen mit einem KGV von 30 kann günstig sein, während ein Versorger mit demselben KGV extrem teuer wäre.
Grund dafür sind:
- unterschiedliche Wachstumsraten
- unterschiedliche Margen
- unterschiedliche Kapitalintensität
KGV und hohe Forschungsausgaben
Bei forschungsintensiven Unternehmen stößt das KGV an seine Grenzen. Hohe F&E-Ausgaben drücken kurzfristig den Gewinn, schaffen aber langfristigen Wert.
Solche Unternehmen wirken auf KGV-Basis oft teuer, obwohl sie strukturell attraktiv sind.
Typische Fehler beim Umgang mit dem KGV
- ein einzelnes KGV isoliert betrachten
- nicht wissen, welches KGV angezeigt wird
- unterschiedliche KGVs unbewusst vergleichen
- Bewertung mit Qualität verwechseln
Profis stellen immer zuerst die Frage:
Welches KGV ist das eigentlich?
Merksatz für Anleger
Es gibt nicht das KGV – es gibt nur klar definierte Bewertungskennzahlen.
Wer ungenau misst, investiert ungenau.
Präzision ist kein Detail.
Präzision ist der Unterschied zwischen Analyse und Rätselraten.
Taugt das KGV zur Auswahl guter Aktien?
Die ehrliche Antwort:
- Allein: Nein
- Im Kontext: Ja, als Baustein
Das KGV ist kein Orakel, sondern ein Werkzeug. Richtig eingesetzt hilft es bei der Einordnung. Falsch verwendet führt es zu Fehlentscheidungen.
Eine fundierte Aktienanalyse kombiniert:
- Bewertung
- Wachstum
- Qualität
- Kapitalrenditen
- Risiken
Das KGV ist dabei nur ein Teil des Gesamtbildes – nicht die ganze Wahrheit. Wenn du mehr solcher Inhalte haben willst dann trage dich in unseren kostenlosen Aktien Newsletter ein.